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04.07.2001, © Enno Park, http://www.kultfilme.net
Man Stelle sich vor, "Titanic" wäre nicht mit DiCaprio und Kate
Winslet gewesen. Man stelle sich weiter vor, James Cameron hätte nicht Regie
geführt und ein "Gute-Zeiten-Schlechte-Zeiten"-Autor hätte das
Drehbuch geschrieben. Man stelle sich außerdem vor, einige Überlebende hätten
sich gegen Ende ein paar Rettungsboote geschnappt und aus Rache einen
Kamikaze-Angriff auf den Eisberg gerudert. Kling hirnverbrannt? Nicht ganz so
krass, aber genauso daneben lief's nun im Kino: Pearl Harbor.
Tatsächlich
zitiert dieser Film "Titanic" ziemlich schamlos, denn auf der Suche
nach einem Plott rund ums Bombardement baute man die klassische Dreiecksliebe
inklusive Eifersucht und Rivalität zweier Männer um ein und dieselbe Frau.
Allerdings so ganz ohne den Figuren Tiefe zu geben: Wo soziale Gegensätze,
Konflikte und tief gezeichnete Charaktere in "Titanic" die Handlung
vorantreiben und fulminant mit der zentralen Katastrophe verwoben werden, wird
in "Pearl Harbor" in netten Bildern gezeigt, wie leer und nichtssagend
der typische, strahlende amerikanische Held doch sein kann. Egal ob bei seiner
Leidenschaft (dem Fliegen), bei Frauen, im Krieg. Die Dialoge jedoch, fast schon
wieder unfreiwillig komisch, boten dem Publikum dann doch Anlass zum Gelächter.
Selten war die Freude so groß, dann mal zur Überlängen-Pause rauszudürfen
und darauf gespannt zu sein, dass es nun endlich "richtig" losgeht:
Die Japanische Flotte steht kurz vor Pearl Harbor und der Angriff beginnt. Was
folgt, ist eine typische Bruckheimer-Materialschlacht, die das meiste in den
Schatten stellt, was es bis dahin an Kriegsszenen zu sehen gab. "Bruckheimer-Materialschlacht"
ist ein Wort. Denn geballert wird genauso euphorisch und nihilistisch wie in
jedem x-beliebigen Action-Thriller. Um bei Vergleichen zu bleiben: die Szenen
sind weder so innovativ, eingängig und nervenzerfetzend wie die Eingangssequenz
von "Saving Private Ryan", sie erinnern sogar fatal an diverse
Weltraumgefechte und den Kampf um den Todesstern in "Star Wars". Das
ist absolut verniedlichend, gewaltverherrlichend, geschmacklos, zumal die Macher
großen Wert darauf gelegt haben, dass die Szenen nicht allzu drastisch werden,
damit der Krieg als mehr oder weniger saubere Sache dargestellt wird, ein
Abenteuerspielplatz, wo ein ganzer Kerl seinen Mann stehen kann. Quasi für Gott
und Vaterland.
Geradezu
ekelhaft in diesem Zusammenhang die Darstellung der Japaner. Man stelle sich
vor, die japanische Regierung der 1940er Jahre, ein faschistoider und extrem
aggressiver Haufen Kriegstreiber, wird dargestellt als eine Gruppe lammfrommer Männer,
die nicht mehr wissen, wie sie den Krieg vermeiden sollen. Und diese Verdrehung
der Tatsachen wohl nur, damit der Film am japanischen Markt nicht sauer aufstößt.
Den Todesstoß versetzt sich der Film am Ende selbst. Gezeigt wird eine hanebüchene
Vergeltungsaktion der Amerikaner gegen Japan. Ich erwartete schon den
Atombombenabwurf über Hiroshima, aber soviel Chuzpe ist wohl selbst Bruckheimer
nicht zuzutrauen. Von vornherein als Selbstmordkommando fliegen unsere Helden über
Feindesland, strotzend vor Selbstbewusstsein, Tatendrang und Pflichtgefühl. Um
dann nach einer Kette unglaublicher Unwahrscheinlichkeiten doch noch die eigene
Haut zu retten, nicht ohne dass einer der Kumpel sein Leben lassen muss, nämlich
derjenige, der seinem tot geglaubten Freund die Freundin "wegnahm".
Auf alles hat der Film seine erzkonservative Antwort und nur eine Botschaft:
Zurück in die gute alte Zeit, zurück in die 40er und 50er Jahre, als Amerika
noch unschuldig war, die Jugend ordentlich und alle noch ein klares - natürlich
stramm antikommunistisches - Weltbild hatten. Früher nannte man so was wohl
Propagandafilm.
USA 2001, 183 min
mit Ben Affleck, Josh Hartnett, Kate Beckinsale, Jon Voight, Alec Baldwin, Dan
Aykroyd
Regie: Michael Bay
Wo läuft der rezensierte Film?
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